top of page

Warum ich Sternenkinder fotografiere

  • Autorenbild: Tanja Engelhardt
    Tanja Engelhardt
  • 12. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Apr.


Wenn ich erzähle, dass ich ehrenamtlich Sternenkinder fotografiere, sind die Reaktionen oft ganz unterschiedlich.


Manche sagen sofort, wie wertvoll sie das finden. Manche werden still. Und manche fragen direkt: Wie kannst du sowas machen?


Ich erlebe auch im eigenen Umfeld, dass viele gar nicht so richtig wissen, wie sie damit umgehen sollen, wenn sie hören, dass ich das mache. Es ist für viele einfach schwer auszuhalten. Schon das Thema als solches. Allein die Vorstellung.


Und ganz oft denke ich dann, wenn es für Außenstehende schon so schwer ist, nur davon zu hören, wie muss es dann erst für Eltern sein, die ihr eigenes Kind verloren haben.



Sternenkind 16 SSW



Woher kommt meine Nähe zu diesem Thema ?


Ich selbst bin nicht persönlich von einem solchen Verlust betroffen. Aber ich glaube, dass mein Weg und meine Erfahrungen trotzdem viel damit zu tun haben, warum ich heute Sternenkinder fotografiere.


Ich bin ursprünglich Krankenschwester und habe viele Jahre in der Herzchirurgie gearbeitet. Reanimationen waren dort ganz normaler Teil meines Alltags. Später durfte ich beim Aufbau einer Privatklinik mitwirken, mit zehn chirurgischen Fachdisziplinen. Kinder spielten da aber noch keine Rolle.


Erst als ich später in München in einem orthopädischen Haus gearbeitet habe, hatte ich auch Kontakt zu pädiatrischen Kindern und ihren Familien. Und dort habe ich Schicksale erlebt, die man auch nicht einfach wieder vergessen kann. Sauerstoffmangel unter der Geburt. Sauerstoffmangel nach einem Badeunfall. Bis dahin ein kerngesundes Kind und plötzlich ist einfach alles anders.




Seit ich selbst Kinder habe, sehe ich vieles anders


Später habe ich selbst Kinder bekommen. Und ab da hat sich dann sowieso vieles verändert.


Die Geburt meiner ersten Tochter war tragisch und ist gerade so gut ausgegangen. Und als mein zweites Kind gerade einmal vier Wochen alt war, hatte sie das RS Virus und lag mehrere Wochen beatmet auf der Intensivstation. Niemand wusste, wie das ausgehen würde.


Wir hatten unfassbar großes Glück. Es ist alles gut gegangen. Aber wenn man einmal selbst in so einer Situation steckt, verändert das den Blick aufs Leben. Danach ist vieles nicht mehr selbstverständlich. Man spürt plötzlich sehr klar, was wirklich wichtig ist und wie schnell sich auch alles verändern kann.


Ich glaube schon, dass auch diese Erfahrungen etwas damit zu tun haben, warum mich das Ehrenamt bei dein Sternenkind so ergreift.


Und dann gibt es noch etwas, das da sicherlich auch mit reinspielt. In der Zeit mit meiner ersten Tochter habe ich mich mit einer Mama angefreundet, deren kleiner Sohn einen Herzfehler hatte. Tragischerweise hat Julian sein erstes Lebensjahr nicht geschafft. Wir haben nie offen darüber gesprochen, aber ich kann mir vorstellen, wie schwer es für sie gewesen sein muss, meine Tochter, die genauso alt war wie Julian, zu sehen. Jeden Entwicklungsschritt. Alles, was ihr eigener Sohn leider nie erleben durfte.


Dein Sternenkind selbst habe ich schon viele Jahre auf Social Media verfolgt. Warum genau, kann ich gar nicht so genau sagen. Wahrscheinlich, weil mich das Schicksal dieser Familien immer sehr berührt hat. Ich habe in meinem Beruf schon viel gesehen. Aber Babys und Kinder sind einfach nochmal was völlig anderes. Das geht schon sehr sehr tief. Zumindest bei mir.




Und trotzdem bleibt die Frage


Und dann bleibt ja trotzdem die Frage, die viele haben: Warum macht man sowas? Warum fotografiert man tote Babys?


Ich gebe ganz ehrlich zu, als meine Kinder noch kleiner waren, wäre das für mich undenkbar gewesen. Aber heute sehe ich das anders. Ich glaube, weil es auch diese Menschen geben muss. Weil ich weiß, wie kostbar diese Bilder sind.




Es bleibt nur dieser eine Moment


Wenn ein Kind stirbt, gibt es kein volles Handy mit Erinnerungen. Keine Bilder vom ersten Geburtstag. Keine Bilder von Meilensteinen. Keine gemeinsame Zeit, auf die man später zurückschauen kann. Auch kein Nachholen. Es gibt nur diesen einen Moment. Und das, was in diesem Moment nicht festgehalten wird, lässt sich nie mehr wiederholen. Das Einzige, was den Familien bleibt, sind Bilder.


Und auch nicht irgendwelche Bilder. Es handelt sich um Bilder, die zeigen: Du warst da. Du gehörst zu uns. Du bist von ganzem Herzen geliebt und du hast Spuren hinterlassen.


Wir kennen das auch aus anderen Zusammenhängen. Dieses Gefühl, sich im Nachhinein zu ärgern, dass man den Moment nicht festgehalten hat. Dass man nicht noch schnell ein Foto gemacht hat. So ging es mir letztes Jahr im Frühling, als wir bei den Großeltern zu Besuch waren. Ich habe mich danach sehr geärgert. Und gleichzeitig war ich dankbar, dass es viele andere Bilder gibt, die unsere Erinnerung an den Großvater tragen.


Familien, die ihr Kind rund um die Geburt verlieren, haben genau das in aller Regel nicht. Sie haben nichts, worauf sie später zurückgreifen können. Keine gemeinsamen Jahre. Keine Alltagsbilder und keine kleinen Momente zwischendurch. Nur diesen einen.




Ich fotografiere nicht den Tod


Und genau deshalb empfinde ich diese Arbeit bei dein Sternenkind auch als so unfassbar wichtig. Ich fotografiere nicht den Tod. Ich fotografiere die Liebe, die Verbindung und die Familie.


Ich halte mit meiner Kamera fest, dass dieses Kind da war. Dass es einen Platz hat. Dass es geliebt wird. Und dass es auch dann Teil dieser Familie bleibt, auch wenn die gemeinsame Zeit viel zu kurz war.




Warum mir dieses Ehrenamt so wichtig ist


Für mich ist dieses Ehrenamt ein wunderbares. Weil es etwas wirklich Wichtiges ist. Ich erlebe in den Momenten bei den Familien so unglaublich viel Liebe und so viel Würde. Und ich empfinde es jedes Mal als großes Vertrauen, wenn ich in so einer Situation dabei sein darf.


Diese Bilder kann man nicht wiederholen. Es gibt keine zweite Chance. Und genau deshalb sind sie so unglaublich wertvoll.




Was am Ende bleibt


Ja und vielleicht ist das am Ende auch die einfachste Antwort auf die Frage, wie man das machen kann: Weil es jemanden braucht, der bleibt, wenn es schwer wird. Weil auch diese Kinder ihren Platz haben. Und weil auch ein ganz kurzes Leben Spuren hinterlässt.



Mehr über mich und meine Arbeit findest du hier.

Kommentare


Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Bitte den Website-Eigentümer für weitere Infos kontaktieren.
bottom of page